Die zweite Woche Acht Brücken: Trommeln, bis das Fell reißt

Kammerflimmer Kollektief aus Karlsruhe

Kammerflimmer Kollektief aus Karlsruhe

„In der Natur bist Du ein scheiß Tier“, sang Heike Aumüller, „ich will zurück zum Beton! Da ist der Mensch noch Mensch. Hoch lebe der Beton – ich will nur in Beton tanzen!“ Großstadtromantik, verpackt in melancholische Klagen, war das beherrschende Thema des Abends mit Kammerflimmer Kollektief. Frontfrau Aumüller verbarg ihr Gesicht meist hinter einem Vorhang rückenlang wallender Haare oder bot Texte und Musik (Harmonium) im Stil von Miles Davis auch gern vom Publikum gänzlich abgewandt dar. Thomas Weber (Gitarre und elektronische Effekte) und Johannes Frisch (Kontrabass) wirkten ebenfalls ziemlich ernst. Jedoch lieferte das Karlsruher Trio auch so einen ungeheuer intensiven, packenden Set, der mitunter sogar überaus unterhaltsam daherkam – mit vielen Referenzen, vom swingenden Jazz bis zum düsteren Noise. Der industriell ästhetisierte raum13 im Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste war ein perfekter Spielort für das gelungene Konzert.

Aly Keita, Reiner Winterschladen, Christian Thomé (v.l.)

Aly Keita, Reiner Winterschladen, Christian Thomé (v.l.)

Einer der absoluten Höhepunkte von Acht Brücken 2014 war sicher der Auftritt des neuen Projektes von Jazzpianist Hans Lüdemann. Für den Programm-Schwerpunkt „Im Puls Afrika“ hatte Lüdemann sein bekanntes „Trio Ivoire“ (mit Aly Keita, Balafon und Christian Thomé, Schlagzeug) um den Kora-Virtuosen Ballaké Sissoko aus Mali und den bekannten Hamburger Trompeter Rainer Winterschladen ergänzt. Vor allem Keita, Thomé und Winterschladen erzeugten miteinander einen vollständig hinreißenden Drive und so zahlreiche klangliche Glanzlichter, so als wären sie schon Jahre als Trio im Einsatz (dabei hatten die drei nur wenige Male miteinander geprobt). Ballaké Sissokos Kora war leider ein wenig leise ausgesteuert, auch im Vergleich zu Hans Lüdemanns kraftvollen Piano-Stil (ähnlich wie bei Lüdemanns Duo-Auftritt mit Toumani Diabaté im vergangenen Jahr im Kölner Stadtgarten). Auch hätte man gern ein paar Kompositionen mehr von afrikanischen Musikern gehört, als fast ausschließlich solche von Hans Lüdemann. Dennoch wird das ganz wunderbare Konzert am 10. Mai in der sogenannten „Lagerstätte für die mobilen Hochwasserschutzelemente“ (an der Rodenkirchener Brücke) sicher für lange Zeit in Erinnerung bleiben.

Dirigent Frank Strobel, Schlagwerkerin Evelyn Glennie

Dirigent Frank Strobel, Schlagwerkerin Evelyn Glennie

Der folgende, letzte Tag des Festivals bot die großartige Chance, Dame Evelyn Glennie zu erleben. Die im schottischen Aberdeen geborene Schlagwerkerin gehört zu den führenden Percussionisten weltweit, ist seit Jahrzehnten als Interpretin neuer klassischer Musik bekannt, wie auch für Crossover-Projekte unterschiedlichster Art (z.B. mit der isländischen Sängerin Björg oder mit indonesischen Musikern). Hunderte von Millionen Fernsehzuschauern erlebten die zweifache Grammy-Preisträgerin bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London 2012. Im Bismarcksaal des WDR war Evelyn Glennie die Gast-Solistin des WDR Rundfunkorchesters Köln, bei der Uraufführung des viersätzigen Percussions-Konzert-Werks „Dreamachine“, das Komponist Michael Daugherty für sie schuf. Der vierte Satz ist dem römischen Gott Vulkan gewidmet, der üblicherweise mit einem Schmiedehammer dargestellt wird. Evelyn Glennie setzte die Komposition so leidenschaftlich um, dass unter ihren Schlägen das Fell der Trommel riss und die Aufführung für zehn Minuten unterbrochen werden musste, bis Ersatz herbeigeschafft war. Am Ende wollte der Jubel für Orchester, Solistin, Komponist und Dirigent (Frank Strobel) nicht enden. Ein großer Triumpf!