Acht Brücken (3): Jazz für die Jugend und wirklich junge Neue Musik

ensemble 20/21 mit David Smeyers (links)

ensemble 20/21 mit David Smeyers (links)

3. Mai, 12.30 Uhr. „Acht Brücken Lunch“ im Filmforum. Es werden Kurzfilme von und mit der Tänzerin Yvonne Rainer gezeigt, einer Avantgardegröße der 60er und 70er Jahre. Rund 120 Zuschauer sind da: etwa drei Viertel davon Frauen über 50. Das Licht geht aus und unvermittelt startet das Programm. Ein Erlebnis wie im Kunstkino vor 20 Jahren: die Projektionsfläche gefühlt gerade mal doppelt so groß wie der heute durchschnittliche Wohnzimmer-Flachbildschirm, alle gezeigten Werke in grobkörnigem Schwarzweiß und ohne Ton.

Rechte Hand von Yvonne Rainer

Rechte Hand von Yvonne Rainer

Film 1 stammt von 1978 und ist noch vergleichsweise konventionell – das kommentarlose Dokument einer Solo-Choreographie. Im ersten Teil sieht man Ganzkörperaufnahmen, im zweiten (Textankündigung: „Details“) einzelne Körperteile der Künstlerin.

Ton von Klappstühlen und einem Rollator

Nach dem Ende dieser Doku verlässt im Dunkeln etwa ein Drittel des Publikums den Saal. So wird der Beginn des zweiten Films – gezeigt werden die Finger einer Hand in Bewegung – vom Geräusch hochschnellender Klappstuhlsitzflächen und dem Schaben der Vollgummireifen eines Rollators begleitet. Man darf das wohl als Zufallseffekt im Sinne John Cages begreifen. Film 3, 1966 produziert, handelt von einem Basketball, der aus unterschiedlichen Startpositionen gegen zwei Füße rollt. In der letzten Dokumentation bewegen sich Yvonne Rainer und ein männlicher Darsteller/ Tänzer durch eine Art Wohnzimmer und werfen sich dabei aus unterschiedlichen Positionen einen großen Ball zu. Beide Personen sind dabei splitternackt.

Das laute Lachen der älteren Damen

Im dunklen Saal ist nun die Stimme eines älteren Herrn zu hören, der einzelne Szenen quasi live kommentiert: „Mit Sex hat das ja nichts zu tun.“ – „Coitus ergo sum.“ – „Jetzt geht das noch zwei bis drei Stunden so weiter.“

Yvonne-Rainer-Aktion im Wohnzimmer

Yvonne-Rainer-Aktion im Wohnzimmer

Der Herr irrt. Film Nummer vier und mit ihm das gesamte Programm ist schon nach 40 Minuten zu Ende. Im letzten Bild des letzten Films hat die nackte Yvonne Rainer vergnügt in die Kamera gelacht – liebenswert albern und offenbar aus großer Freude über die gelungene Aktion. Den Ton zu diesem fröhlichen Finale der Stummfilmvorführung liefern die verbliebenen älteren Damen im Publikum, als das Licht angeht. Sie lachen laut – und klatschen amüsiert! Schade, dass kaum ein junger Mensch hier war.

Ausverkauft: Akademischer Funk in der Philharmonie

3. Mai, 20.00 Uhr. Wo ist bei Acht Brücken die Jugend? In der Philharmonie zeichnen sich erste Umrisse einer Antwort ab. Das Konzert der Band des Jazzbassisten Marcus Miller ist komplett ausverkauft. Auch hier schweift der Blick zunächst über ein Meer aus grauen und weißen Hinterköpfen im Publikum. Doch sehr deutlich findet man unter den 2.000 Besuchern auch viele hundert Menschen unter 30. Und die sitzen nicht nur bei Papa oder Opa, der die Karte bezahlt hat, um dem Nachwuchs Kultur nahe zu bringen, sondern auch in größeren Gruppen zusammen. Was gewissermaßen einen  Hinweis auf selbst entwickeltes Interesse darstellt.

Hinterköpfe in der Philharmonie vor Marcus Miller Konzert

Hinterköpfe in der Philharmonie vor Marcus Miller Konzert

Metropolenmusik von Mr. Clean

Ab 20.15 Uhr äußern Teile des jungen Publikums auf gut erzogene Weise Unmut über den verspäteten Beginn des Konzerts – man klatscht rhythmisch, aber nur ganz kurz. Fünf Minuten später betritt die Band tatsächlich die Bühne, hinter der eine riesige Projektion des Covers der neuen CD “Renaissance” projeziert ist, für deren Kauf das Konzert nun wirbt. Dann startet die Marcus Miller Band mit ihrem Jazz in der dem Publikum wohl bekannten, handwerklich soliden Qualität. Funky und angenehm groovend, mit passenden Soli auf hohem, akademischem Jazz-Niveau: ein Soundtrack für optimistische Bewohner zeitgenössischer Metropolen.

Leider wirkt die Anlage stark übersteuert, der Sound deshalb nicht nur zu laut sondern auch kratzig bis matschig. Im Gegensatz zu diesem misslichen Umstand steht der Titel des ersten Stücks: „Mister Clean“. Marcus Miller erklärt, dass „Mister Clean“ auf seine Haartracht verweist, wobei der Star-Bassist sein Markenzeichen, das Hütchen lüftet, worunter eine perfekte Glatze sich enthüllt. Freundliche Lacher im Publikum – und ich denke, dass der Titel auch die Marcus-Miller-Musik als solche gut charakterisiert. Nach dem schnell treibenden „Detroit“ und dem eher ruhigen, dritten Stück „Redemption“ (englisch für „Erlösung“) verlasse ich um 20.50 Uhr die Philharmonie, um im Laufschritt…

Junge neue Musik für Heavy Metal Fans

3. Mai, 21.00 Uhr… zu David Smeyers’ „ensemble 20/21“ beim Tripclubbing-Konzert im Alten Wartesaal zu eilen. Auch hier vergleichsweise viele jüngere Leute, auffällig nur der vom Konzert in der Philharmonie abweichende, weniger metropolenmodische Kleidungsstil. Im Alten Wartesaal ist man entweder betont unauffällig gekleidet, z.B. in Schwarz unter einer schlichten Frisur, oder, gemäßigt rebellenhaft, im Heavy-Metal-Outfit (beleibte Figur, Pferdeschwanz-Frisur, Lederjacke), wenn man sich nicht für Hip-hop-Symbole entschieden hat (sehr kurze Haare, Thomas-D-Bärtchen).

ensemble 20/21 (2)

ensemble 20/21 (2)

ensemble 20/21 (3)

ensemble 20/21 (3)

Auf der Bühne treibt David Smeyers, Professor an der Musikhochschule für Musik und Tanz in Köln, sein gut gelauntes Ensemble zu Höchstleistungen an. Ein Moderator erklärt zwischendurch dankenswerterweise, was an Neuer Musik, wie und warum zur Aufführung kommt. Es gibt zwei sehr ansprechende Uraufführungen junger, an John Cage orientierter New Yorker Komponisten zu hören und ein Klavierkonzert vom Meister selbst. Den Höhepunkt bildet das halbstündige „Hymnkus“ von John Cage: Ich schließe die Augen und fühle mich an gregorianische Choräle erinnert, die einige Frauen und Männer in einem alten Lebensmittelladen singen (ständig die Türglocke, wenn Kunden ein und aus gehen!), der irgendwie direkt an einer S-Bahn-Linie liegen muss. Ein wunderbares Konzert, das viel Applaus findet!

3. Mai, 22.00 Uhr. Im Festivalzelt spielt bei der “Acht Brücken Lounge” die Band “Red Dog”: Nette Party mit Bier, Wein und vielen Studenten, denen der bläserorientierte Cool Jazz offenbar bestens gefällt. Gelungener Ausklang – gute Stimmung!

"Roaratorio" mit Paddy Glackin

"Roaratorio" mit Paddy Glackin

4. Mai, 18.00 Uhr. „Roaratorio“ von John Cage wird im Konzertsaal der Musikhochschule aufgeführt. Rund 200 Interessierte sind erschienen, um das Hörstück über „Finnegans Wake“ von James Joyce zu erleben. Vier irische Musiker begleiten mit Fiedel, Flöte, Dudelsack und Bodhrán-Handtrommel die aufgezeichnete Klangcollage live. Auch das Publikum bietet wieder eine Collage – aus Menschen 50, 60 und 70+.

Seamus Tansey spielt Flöte

Seamus Tansey spielt Flöte

Seamus Tansey hat Pause

Seamus Tansey hat Pause

Dann finden sich doch noch etwa zehn bis 15 Studenten ein. Sie werden mit einem großartigen akustischen Erlebnis belohnt – Augen schließen und 60 Minuten in Irlandphantasien versinken! Was den Studenten am besten gefallen hat, erfahre ich nach dem Konzert vor der Tür. Die Aura der irischen Musiker kam hervorragend an – ihre Souveränität, Authenzität und vor allem unmittelbar greifbare Entspanntheit. Zum Beispiel, dass Flötist Seamus Tansey (wohlbeleibt im Ringelpulli) zwischen seinen Einsätzen ungeniert unter dem Mikro die Nase schnäuzte, aus einem Pappbecher trank (was wohl?) und die Arme über dem Bauch verschränkte. Ein toller Typ, da sind sich die jungen Leute einig!

Fieldwork

Fieldwork

4. Mai, 20.30 Uhr. Im Stadtgarten tritt die Jazz-Band „Fieldwork“ auf. Ausverkauft! Man steht bis zum Eingang! Wieder das Meer aus grauen und weißen Hinterköpfen im Konzertsaal vor der Bühne (am intensivsten zu erleben aus der hintersten Reihe). Doch ist das Grundmuster wie beim Jazz in der Philharmonie deutlich mit dunklen bis hellblonden Tupfern durchsetzt. Merke: Bei Marcus Miller waren alle Generationen vertreten, bei den anspruchsvolleren Kammer-Jazzern von „Fieldwork“ sind im Verhältnis 50:50 sehr viele eher alte und sehr viele eher junge Menschen erschienen. Die mittlere Generation fehlt beinahe ganz. Interessant auch der Style der jüngeren Jazz-Fans. Man orientiert sich an der Beatnik-Mode der späten 40er und 50er Jahre: Die jungen Herren tragen Bart zu ohrenfreiem Haar und blicken ernsthaft, die Damen sind in Jeans und Lederjacke gewandet, wirken lebhaft und auf Abenteuer aus. Das Publikum darf sich über eins der qualitativ wohl besten Konzerte des gesamten Festivals freuen. Allein Schlagzeuger Tyshawn Sorey ist das Eintrittsgeld doppelt wert: Diese Komplexität, Schnelligkeit und Originalität der gern synkopisch geschlagenen Rhythmen ist auch im jazzaffinen Köln nur selten zu hören.

Text und Fotos: Harald Stoffels. Teil 4 mit Schluss und Fazit folgt morgen.