Acht Brücken (2): Carmen schießt als Freischütz

"Europera 3" 1

"Europera 3" 1

Festivaltag 4: Die Jagd nach der jungen Zielgruppe wird fortgesetzt.

Charles-Ives-Lieder im Alten Wartesaal

Charles-Ives-Lieder im Alten Wartesaal

2. Mai, 12.30 Uhr. Besuch bei der täglichen Reihe „Acht Brücken Lunch“ im Alten Wartesaal. Alle Konzerte der Reihe sind nicht nur umsonst, man kriegt sogar noch ein Goodie obendrauf. Wer seine Mittagspause für Cage & Co. opfert, wird beim Rausgehen mit einem Käsebrötchen plus Tetrapack Fruchsaft bedacht. Alles ist in einem schicken, schwarzen Umhängetäschchen keimfrei untergebracht, damit  sich der Kulturhungrige beim Sprint zurück zum Bergwerk auch noch physisch sättigen kann – der großzügigen Sparkasse KölnBonn sei Dank. Man muss zugeben, dass dieses Konzept aufgeht: Rund 120 Besucher füllen heute den Saal, und ein paar junge sind tatsächlich auch mit dabei.

Entstaubt und frühlingsfrisch

Auf der Bühne noch mehr Menschen unter 30: Musikerinnen und Musiker der stets für Qualität bürgenden Hochschule für Musik und Tanz Köln. Sie geben rund 40 Minuten lang Lieder des US-amerikanischen Komponisten Charles Ives (1874 – 1954): Entstaubt, schwungvoll und frühlingsfrisch klingt der Vortrag (Leitung: Sebastian Gottschick), gerade modern genug für „Acht Brücken“, aber doch nicht zu anstrengend für die mittägliche Zeit.  Absolut gelungen!

Quälende Qualität

2. Mai, 18.00 Uhr. Und die Härte folgt sogleich: Im Museum für Angewandte Kunst quält das „ensemble mosaik“ sein Publikum mit experimenteller Qualität.

Nach "In a hall of mirrors, waiting to die"

Nach "In a hall of mirrors, waiting to die"

Vor allem das hurzhafte „L’art de toucher le clavecin 3“ (vom 32-jährigen Komponisten Evan Johnson), das in drei Teilen gespielt die übrigen Elemente des Konzertes miteinander verbindet, besitzt deutlich sadistisches Potenzial. Violine, Piccoloflöte und Percussion spielen jeweils minutenlang derart leise, dass jedes kleinste Quietschen der mit weißem Kunstleder bezogenen Saalstühle zum höchst störenden Kracherlebnis avanciert. So freuen sich rund 100 Zuhörer über die jeweils folgenden „Entspannungs-Stücke“, wie zum Beispiel Clinton McCallums „In a hall of mirrors waiting to die“ für Saxophon und Klavier – der reinste Heavy Metal im Vergleich! Dass die jungen Musiker auf der Bühne, die übrigens nicht die geringste Erklärung zu ihrer Performance abgeben, offenkundig viel Spaß dabei haben, soll auch noch erwähnt sein.

"Europera 3" 6

"Europera 3" 6

Kostüm passt nicht zur Arie

2. Mai, 19.00 Uhr. Etwas zu spät eingetroffen zum Ereignis des Tages: Die Opern „Europera 3 – 5“ von John Cage – im Palladium, der im rechtsrheinischen Köln-Mülheim gelegenen „Außenstelle“ von „Acht Brücken“. Nur mit der räumlichen Entfernung vom Zentrum (fast alle anderen Konzerte sind in höchstens zehn Minuten zu Fuß vom Dom aus erreichbar) kann man sich erklären, warum der Saal nicht ganz ausverkauft ist. Denn was geboten wird, ist große Kunst und Show in einem, inszeniert von Elena Tzavara, einer bekannten jungen Regisseurin der Kölner Opernszene. Vor allem in „Europera 3“ geben die wunderbaren jungen Sängerinnen und Sänger des Internationalen Opernstudios Köln mächtig Gas. Zum Beispiel halten ständige Kostümwechsel  – niemals darf das Kostüm zur Arie passen, so singt zum Beispiel Mezzosopranistin Sandra Janke die Habanera aus Carmen im Freischütz-Kostüm, eine Flinte in der Hand – und weitere unterhaltsame Elemente das Publikum trotz des schwierigen Stoffs immer bei der Stange. Bei „Europera 4“ überwiegen dagegen stille, poetische Elemente, die aber in gleicher Weise überzeugen. Cage humorvoll im Jahr 2012 angekommen – der Verdienst von Elena Tzavara und ihres Teams (Ausstattung: Elisabeth Vogetseder).

"Europera 3" 2

"Europera 3" 2

"Europera 3" 3

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"Europera 3" 4

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"Europera 3" 5

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"Europera 4" 1

"Europera 4" 1

Text und Fotos: Harald Stoffels. Bericht wird fortgesetzt (mit der Auflösung des Rätsels, wo die junge Zielgruppe steckt).