Acht Brücken: Allein unter Rentnern?

"In a large, open space" 1

"In a large, open space" 1

Stell Dir vor, es ist Top-Qualität  – und die junge Zielgruppe bleibt weg! Oder ist John Cage heute uncool? Sind Neue Musik und die Avantgarde des 20. Jahrhunderts nur noch was für Rentner? Seit dem 29.4. und noch bis zum 6.5.2012 findet in Köln das großartig zusammengestellte, innovative Festival „Acht Brücken. Musik für Köln“ statt. Leider ohne die Masse der Kölner Studenten und jüngeren Musikinteressierten, wie es aussieht, obwohl viele Konzerte umsonst sind und Spitzendarbietungen für äußerst moderate Preise angeboten werden. Gedanken über die Gründe und persönliche Eindrücke von einem streng subjektiven „Acht Brücken“-Rundgang, ausgestattet mit dem Festival-Pass, der für nur 80 Euro (reduziert 35 Euro) Zugang zu sämtlichen 40 Konzerten gewährt.

Barfuß unter rotem Samtkleid

30. April, 20.00 Uhr. Vor der Philharmonie weht Chart-Musik aus der gegenüber liegenden Bar „juicy dreams“ durch die Straßen. (Köln freut sich auf die laue Nacht zum 1. Mai). In der Philharmonie spielt das Mahler Chamber Orchestra, annonciert als eines der besten Orchester der Welt – für lumpige 25 Euro auf allen Plätzen. Der Saal ist trotzdem nur zu gut zwei Dritteln gefüllt.

Die 23 Streicher geben „Company“ von Philip Glass: wie aus einem Guss, samtig weich und ohne jede technische Kühle. Eine herrliche Musik, man könnte denken, vom Himmel geschickt. „Ist ja nicht meins“, raunt ein älterer Abonnent neben mir ins Ohr seiner Begleitung (beide Ü70, wie die große Mehrheit der Zuhörer): „Aber doch erstaunlich, was die Musiker aus ihren Instrumenten so rausholen.“ Nach dem Hauptstück des Abends, Leonard Bernsteins „Serenade“ (1954) ist das Publikum aus dem Häuschen. Unmäßiger Beifall: Die Soloviolinistin Patricia Kopatchinskaja muss fünf Mal zurück auf die Bühne. Sie ist jung, hübsch und niedlich barfuß unter dem langen, knallroten Samtkleid.

Nach dem Konzert: Dirigent Lawrence Renes gibt älteren Fans Autogramme

Nach dem Konzert: Dirigent Lawrence Renes gibt älteren Fans Autogramme

Schnäppchenpreis für Cage-Jacke

In der Pause wird im Foyer „Die Jacke von John Cage“ (Festivalpreis 140 Euro, Normalpreis 240 Euro) offeriert. Im zweiten Teil des Konzerts englischer Applaus (maßvoller Beifall) für zwei klassisch-moderne Werke: das mitreißend trancige Bongostück aus Steve Reichs „Drumming“ und das herrlich dramatisch bolerohafte „Shaker Loops“ von John Adams, vom Mahler Chamber Orchestra unter Lawrence Renes dargeboten wie eine Welt aus reinem Klang.

"Literatursalon"

"Literatursalon"

Was denkt die Frau im Trenchcoat?

1. Mai, 11.00 Uhr. Während in weiten Teilen der Domstadt noch die Folgen der Mainacht weggeschlafen werden, hat sich an der Philharmonie eine Gruppe Veteranen versammelt. Etwa 80 Menschen im dafür viel zu kleinen, rührend putzigen „Acht Brücken Festivalzelt“ erinnern sich als „Literatursalon“ gemeinsam an die frühen 60er Jahre. Es war die Zeit, als Avantgardeler wie John Cage, Christo und Nam June Paik auch in Köln wirkten. Auf dem Podium Mary Baumeister, Regina Wyrwoll und die jüngere Berliner Künstlerin Moon Suk. Sie tragen einschlägige Texte und alte Interviews mit verteilten Rollen vor. Einzelne Lacher der Veteranen beleben die Aktion. Von außen schaut eine junge, hübsche Frau im Trenchcoat interessiert und geduldig ins Zelt. Eine Studentin? Was sie wohl denkt? Erklärt wird hier nichts – und ohne erhebliches Vorwissen kann bei dieser Veranstaltung kein Mensch unter 60 irgendetwas verstehen. Am Eingang des Zelts steht ein junger, ernsthafter Mann, der mit strengem Blick darauf achtet, dass niemand ohne besondere Genehmigung fotografiert. Warum? Wird jemand der Alt-Aktivisten von der Polizei gesucht?

Glückserlebnis in Rodenkirchen

1. Mai, 18.00 Uhr. Um es vorweg zu sagen: Ein echtes Highlight, hervorragend besucht. Vergleichsweise viele jüngere Menschen im Publikum, sogar zwei bis drei Familien mit Kindern. Es mag am Veranstaltungsort liegen. Die sogenannte „Lagerstätte für die mobilen Hochwasserschutzelemente“ an der Rodenkirchener Brücke hat einen Architekturpreis gewonnen, ist sonst nicht öffentlich zugänglich und liegt im Grünen, nur wenige hundert Meter von der Straßenbahnhaltestelle gelegen – ideal also für den 1. Mai-Alibi-Spaziergang. Die märchenhaft wunderbare Stunde, die zwölf Musiker (darunter der Kölner Top-Jazzer Frank Gratkowski) uns dann mit „In a large, open space“ (Komposition: James Tenney) bereiten, ist mit Worten schwer zu beschreiben. Gespielt wird „die Obertonreihe über den tiefen Ton Kontra-F“, wie das Programmheft verrät Also einzelne, langgezogene Töne aus Blas- und Saiteninstrumenten, zu denen sich das Publikum frei im Raum bewegen darf – ein Glückserlebnis, für das es viel Beifall gibt.

"In a large, open space" 3

"In a large, open space" 3

"In a large, open space" 2

"In a large, open space" 2

Gelber Pan Tau lüpft die Melone

1. Mai, 20.00 Uhr. Eine Viertelstunde vor dem (geplanten) Konzertbeginn tänzeln einige ältere Herrschaften nervös vor den geschlossenen Türen zum Saal der Philharmonie. Den Grund für die leichte Verspätung hört man nach draußen: Pianist Markus Hinterhäuser werkelt am präparierten Klavier. Offenbar sitzen Schrauben, Federn und Radiergummis noch nicht vollständig fachgerecht für das Solo-Piano-Stück „Sonatas and Interludes“ von John Cage. Schließlich im Saal, fällt mein Blick auf einen mittelalten Herrn, der mit knallgelber Melone und dazu passender Jacke drei Reihen vor der Bühne sitzt – wie ein zitronenfarbener Pan Tau. Ein jüngerer Mann schräg links von mir trägt eine Camouflage-Schirmmütze mit passend grünem Batikschal. Der Herr in Gelb nimmt vor Konzertbeginn die Melone ab und enthüllt einen kahlgeschorenen Schädel. Die Mütze in Grün bleibt aufgesetzt.

65 Minuten wie im Flug

„Acht Brücken“-Leiter Louwrens Langevoort spricht ein paar Worte der Einführung (und trägt dabei die Jacke von John Cage), dann beginnt Hinterhäuser, den Cage-Klassiker zu spielen. Nach wenigen Minuten sind Melone, Kappe, Jacke und seltsame, klangerzeugenden Gegenstände im Klavier vergessen. Was bleibt, ist ein Klang, der im Kopf zunehmend Zeit und Raum auflöst. Und in Hinterhäusers Interpretation mehr an Bachs meditativ wirkende Goldberg Variationen erinnert als an irgendeine verstörende Kraft der Moderne. Wie im Flug gehen die 65 Minuten vorüber.

Wo hängen sie denn?

In der Pause stelle ich mir erneut die Frage, warum sich auch an diesem Abend nur wenige junge Menschen in der Philharmonie verlieren. Paradoxerweise zeichnet sich eine erste Antwort gerade angesichts der vielen attraktiven „Acht Brücken“-Plakate über der Bar im Philharmonie-Foyer ab. Ja, hier hängen sie, aber wo in der Stadt? Wer weiß eigentlich von diesem Festival? „Acht Brücken. Musik für Köln“ – ein Festival nur fürs Fachpublikum? Vielleicht sollte man die (potenziell andere) Zielgruppe einfach mal fragen…

Bar Philharmonie

Bar Philharmonie

(Bericht wird fortgesetzt, Text und Fotos Harald Stoffels)